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Vegane Kinderernährung


Ein Kind vegan ernähren? Für viele Eltern unvorstellbar. Ernährungsexpertin Julia Pabst über das Schwarz-Weiß-Denken bei der Kinderernährung.

Ein von den Eltern vegan ernährtes Baby wird in Italien ins Krankenhaus gebracht (der KURIER berichtete). Dort stellen die Ärzte eine starke Unterernährung und schwere Mangelerscheinungen fest. Dem Elternpaar wird vorerst die Obhut des einjährigen Buben entzogen. Der Fall hat die Debatte rund um die "richtige" Kinderernährung neu entfacht.

Was ist wirklich gut fürs Kind?
Was viele Experten als medizinisch enorm bedenklich einstufen, ist für leidenschaftliche Veganer das Normalste auf der Welt. Sein Kind vegan zu ernähren könne, müsse jedoch nicht zwingend schlecht für das Wohl des Kindes sein, so Ernährungsexpertin Julia Pabst. Pabst hält nichts von Pauschalaussagen und bricht damit das traditionelle Schwarz-Weiß-Denken bei der Kinderernährung auf.

KURIER: Kann man Säuglinge und Kleinkinder grundsätzlich vegan ernähren?
Julia Pabst: Säuglinge sollten Muttermilch bekommen. Diese ist genauer betrachtet nicht vegan, da sie ja nicht pflanzlich ist, sondern von der Mutter produziert wird. Aber das ist natürlich kein Argument gegen pflanzliche Ernährung. Im Beikostalter kann man also durchaus mit veganen Speisen ergänzen. Isst ein Kind schließlich am Familientisch mit, hängt es davon ab, wie ausgewogen die Ernährung der Familie generell aussieht. Grundsätzlich würde ich diese Frage also nicht verneinen.

Was muss man dabei unbedingt beachten?
Die DGE (Deutsche Gesellschaft für Ernährung) rät von veganer Ernährung für Kleinkinder ab. Diese Haltung sehe ich als nicht mehr ganz zeitgemäß. Man muss hier einfach verstehen, dass die DGE sehr allgemeine Richtlinien präsentiert, und da ist die vegane Ernährung (noch) nicht angekommen. Auffällig ist, dass die meisten veganen Eltern tendenziell gebildet, gut situiert und aufmerksam sind. Es ist daher durchaus davon auszugehen, dass sie sich im Wohle des Kindes und der gesamten Familie gut informieren, um die bestmögliche Ernährung zusammenzustellen. Manche Veganer integrieren viele Sojaprodukte, da sie gut Eiweiß liefern. Es gibt aber auch Veganer, die Soja in großen Mengen meiden, weshalb dann andere Strategien für ausgewogene Ernährung gefunden werden müssen. Hier können also keine pauschalen Empfehlungen gegeben werden, weswegen aus meiner Sicht immer ein individuelles Konzept verfolgt werden kann.

Oftmals kommt es bei veganer Ernährung von Kindern zu Mangelerscheinungen. Welche Mängel sind hierbei am prominentesten bzw. gefährlichsten?
Mangelnährstoff Nummer eins ist sicherlich das Vitamin B12, da es in der für den Menschen bioverfügbaren Form nur über tierische Produkte nennenswert aufgenommen werden kann. Auch Eisen kommt in veganer (aber auch vegetarischer) Ernährung häufig zu kurz.

Welche Langzeitfolgen können derartige Mangelerscheinungen mit sich ziehen?
Vitamin B12 ist wichtig für die Nervenentwicklung und Gehirn. Ein Mangel an Vitamin B12 kann langfristig zu Entwicklungsverzögerungen führen. Leidet ein Kind unter Eisenmangelanämie, also Blutarmut, ist das häufig an auffälliger Blässe, Appetitlosigkeit sowie Müdigkeit und Energielosigkeit erkennbar. Auch die Abwehrkräfte sind häufig geschwächt und Infektionen treten leichter auf. Um die Eisen-Aufnahme aus pflanzlichen Lebensmitteln zu fördern, sollte daher immer genug Vitamin C aufgenommen werden. Achten die Eltern auf einen Speiseplan mit reichlich Gemüse und Obst, sollte das sichergestellt sein. Auch die Versorgung mit Calcium sollte sichergestellt sein. Eine ausreichende Zufuhr kann über angereicherte Nahrungsmittel oder mit Nahrungsergänzungsmitteln sichergestellt werden.

Ab welchem Alter ist die vegane Ernährung eines Kindes unbedenklich?
Eine vegane Ernährung ist selbst für Erwachsene nicht unbedenklich. Es kommt immer darauf an, ob alle Nährstoffe in ausreichender Menge aufgenommen werden können.

Ist eine vegane Ernährung der Mutter während der Stillzeit ratsam?
Muttermilch ist für ein Neugeborenes die wertvollste Nahrung, da sie nicht nur Nährstoffe sondern auch Immunstoffe liefert. Da Muttermilch ein Optimum an Nährstoffen enthalten soll, werden diese der Mutter entzogen. Eine stillende Frau benötigt daher noch viel mehr Nährstoffe, als in der Schwangerschaft. Da eine ausreichende Eisenzufuhr für Frauen ohnehin oft schwierig zu bewerkstelligen ist, ist eine adäquate Nahrungsergänzung in diesem Fall anzuraten.

Wie wirkt sich die vegane Ernährung der Mutter in der Schwangerschaft auf die Entwicklung des ungeborenen Kindes aus?
Hier gibt es leider noch sehr wenige Studien. Die Meinungen von Ärzten gehen außerdem weit auseinander. Aus meiner Sicht ist eine vegane Ernährung in der Schwangerschaft möglich, aber in vielen Fällen schwierig umzusetzen. Da der Eiweißbedarf in der Schwangerschaft steigt, ist eine ausreichende Versorgung mit Proteinen essentiell, um die Entwicklung des Kindes nicht zu beeinträchtigen. Bei Mangel an Eiweiß kann es zu Entwicklungsverzögerungen kommen, weswegen unbedingt auf ausreichend gute Eiweißquellen geachtet werden sollte. Veganer erhalten Eiweiß vorwiegend durch Hülsenfrüchte, Getreide, Nüsse und Samen. Um damit nennenswerte Mengen an Eiweiß aufzunehmen, benötigt man schon größere Mengen dieser Lebensmittel. Sofern sich die Gewichtszunahme der Mutter in einem gesunden Bereich abspielt, gibt es hier aber keine Bedenken. Vitamin B12 sollte unbedingt extra zugeführt werden. Weitere Nahrungsergänzungen wie Folsäure sollte jede Schwangere einnehmen.

Da bei veganer Ernährung oft ein Vitamin-B12- Mangel auftritt, wurde eine Vitamin-B12-Zahncreme entwickelt, die zu einer deutlichen Verbesserung des Vitamin-B12- Status führen soll. Was halten Sie davon?
Jede Nährstoffoptimierung, die sich einfach in den Alltag integrieren lässt, halte ich für sinnvoll. Bei Jod ist es das Jodsalz, durch das eine ausreichende Zufuhr durch alle Bevölkerungsschichten angestrebt wurde. Bei Vitamin B12 scheint die Zufuhr offensichtlich auch über die Mundhygienemaßnahmen zu funktionieren. Da die Zahnpasta Studien zufolge den Versorgungszustand mit Vitamin B12 signifikant verbessert, ist sie als Produkt für Veganer nur zu empfehlen. Vorausgesetzt, man putzt sich zumindest zwei Mal täglich damit die Zähne.

Ist nach der Stillzeit die Gabe von Sojamilch statt Kuhmilch bei Kindern möglich bzw. ratsam?
Sojaprodukte enthalten Phytohormone, das sind Stoffe, die in den Hormonhaushalt eingreifen. Aus diesem Grund sollte man Kleinkinder nicht ausschließlich mit Sojaprodukten ernähren. Da Soja außerdem ein Lebensmittel mit einem gewissen Allergiepotential ist, sollte erst nach dem ersten Lebensjahr ganz vorsichtig damit begonnen werden. Hier sind Mandeldrinks, Haferdrinks oder Reisdrinks verträglichere Alternativen, die zudem auch mit Calcium angereichert angeboten werden.

Gibt es Lebensmittel, die man vegan ernährten Kindern vorenthalten sollte? Wenn ja, welche?
Es gibt keine speziellen Lebensmittel, die vegane Kinder nicht essen dürfen, andere Kinder aber schon. Generell sollte darauf geachtet werden, Kindern so wenig isolierten Zucker wie möglich zu geben. Sojapudding oder mit Reissirup gesüßte Kekse sind zwar vegan, aber nichts anderes als Süßigkeiten, und diese sollten Kinder sehr maßvoll bekommen.

Ärzte raten oft strikt davon ab Kinder und Kleinkinder vegan zu ernähren. Halten Sie diese Einstellung für veraltet?
Wenn Eltern ihr Kind vegan ernähren möchten, sollte dies respektiert werden. Allerdings müssen die Eltern - wie natürlich alle anderen Eltern auch - die volle Verantwortung übernehmen, die bestmögliche Versorgung des Kindes sicher zu stellen, sich über die Möglichkeiten einer bedarfsdeckenden Ernährung zu informieren und bei Bedarf passende Vitamin- und Nährstoffpräparate zu integrieren. Auch eine regelmäßige Kontrolle der Kindesentwicklung ist anzuraten, um etwaige Mängel rechtzeitig erkennen zu können.

Wo und wie sollte man sich als Elternteil/Elternpaar beraten lassen, um dem eigenen Kind im Fall einer veganen Ernährung die bestmögliche Versorgung zu gewährleisten?
Der erste Ansprechpartner sollte immer der Kinderarzt oder die Kinderärztin sein. Sie kennen die Eltern und später auch das Kind am besten. Hinsichtlich Ernährung in der Schwangerschaft, der Stillzeit oder auch bei der Umstellung auf Familienkost kann eine strukturierte Ernährungsberatung mit praktischen Tipps Unterstützung anbieten. Wir bei Resize legen Wert darauf, die Wünsche und Bedürfnisse unserer Klienten ernst zu nehmen und in das individuelle Ernährungskonzept einfließen zu lassen. Trotzdem sehen wir es als unsere Pflicht auf nötige Ergänzungen im Bedarfsfall hinzuweisen, etwa wenn jemand eine sehr eingeschränkte Lebensmittelauswahl zulässt.

Was muss man bei einer radikalen Ernährungsumstellung von Kindern generell beachten?
Eine radikale Ernährungsumstellung von Kindern ist nie sinnvoll. Wer sein Kind von Geburt weg vegan oder vegetarisch ernährt, muss ja auch nichts umstellen. Ansonsten können Eltern, die erst später ihre eigene Ernährung umstellen möchten, ihre Kinder Stück für Stück teilhaben lassen. Das könnte heißen, dass daheim zwar vegan gekocht wird, aber auswärts, etwa bei den Großeltern darf das Kind essen was es möchte. So muss kein Kind eine radikale Ernährungsumstellung erleben, deren Sinn sich ihm nicht gleich eröffnet. Mit der Zeit werden die Eltern genug Möglichkeiten finden, das Thema auch ihrem Kind näher zu bringen.

Artikel lesen. Eltern-Magazin: Darf man Kinder vegan ernähren?

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